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«Eine jüdische Flüchtlingsfamilie läutete an unserer Haustür»
Pfarrer Dr. iur. Arnold Kuster, Jahrgang 1927, 8805 Richterswil ZH Mit Karabinern gegen deutsche Flieger Durch die geographisch fast einzigartige Lage war die Aktivdienstzeit besonders komplex. Die Grenze wurde nur dürftig bewacht, und der Durchstieg durch den seichten alten Rheinlauf war damals problemlos. Die beiden Rheinbrücken dagegen wurden streng bewacht und zur Sprengung vorbereitet. Die Kriegsparteien nahmen die Grenze gar nicht wahr: Deutsche Flieger verletzten sie ständig. Unsere Brückenwachen schossen mit Karabinern. Einen solchen «Vogel» holten sie tatsächlich herunter. Der Pilot konnte noch aussteigen und wetterte: «Verdammte Sauerei, dass deutsche Soldaten deutsche Maschinen abschiessen!» Die alliierten Bomberpiloten waren vielfach desorientiert. Nicht nur in Friedrichshafen warfen sie Bomben und landeten havarierte Maschinen. Eine fliegende Festung setzten sie im rechten Vorgelände des Rheins ab – zufällig auf dem engen Gebiet von Diepoldsau. Sie rollte aber gegen die deutsche Grenze. Freudestrahlen wollten die Nazischergen sie «empfangen». Doch zuvor verhedderte sie sich an einer Uferverbauung und blieb am äussersten Rand der Schweiz stecken. Ein Fallschirmspringer landete knapp diesseits der Grenze, der Kamerad drüben. Als wir – schwänzenden – Schüler ihn aufklärten, weinte er seinen unglücklichen Partner bittere Tränen nach. Mutter sollte Kranke evakuieren Doch vorher, als ernsthaft mit dem Einmarsch der Deutschen zu rechnen war, sollte unser wehrloses Dorf evakuiert werden. Wer nicht schon vorher freiwillig vorsichtshalber ins Landesinnere geflohen war, musste sich bereithalten, am vorbestimmten Tag X beim Glockenalarm wegzuziehen. Am Abend würden die Brücken gesprengt. Dann gäbe es keine Zuflucht mehr. Jeder bekam bestimmte Aufgaben. Meine Mutter sollte mit Pferd und Wagen Kranke und Betagte evakuieren. Ich durfte mit – im neuen Kleid mit eingenähten Taschen für den Notbatzen. Dann geschah das «stille Wunder»: Die Glocken blieben still. Ende Alarm. Unser Gebet wurde zum Dankgebet. Vater zwischen Militärdienst und Bauernhof Wirtstöchter als Flüchtlingshelferinnen Einmal läutete mitten in der Nacht unsere Hausglocke. Eine verängstigte jüdische Familie war von Wien durch ganz Österreich geflohen. Der Bub hatte als einzige Habe ein Geldstück im Schuh – natürlich haben wir dieses nicht angenommen. Nach dem Essen und dem Nachtlager wollten sie weiter. Man habe ihnen gesagt, sie sollten sich in Diepoldsau im «Schiffli» melden. Nein – doch nicht beim Schiffliwirt, diesem ...!!! Eine Falle? Oder meinten sie in ihrem Wiener Dialekt nicht das «Schiffli» sondern das «Schäfli»? Das war die richtige Adresse. Die Wirtstöchter brachten sie wie viele andere Flüchtlinge trotz Gefahren ins Landesinnere, wo sie gerettet waren. Ich sehe diese tapferen Nachbarinnen bis heute an der Seite unseres inzwischen bekannt gewordenen Polizeihauptmanns Grüninger und anderen «ungehorsamen Helden der Menschlichkeit». Was wiegt schwerer: Die Unmenschlichkeit unserer Flüchtlingspolitik oder solche «humanen Gesetzesbrecher»? Die Tragik zeigte sich vor allem bei Beamten, etwa Grenzwächtern und Polizisten. Unser Dorfpolizist liess sich sofort versetzen. «Was sollte ich denn tun, wenn einer vor mir niederkniet und um einen Schuss aus einer Schweizer Pistole bettelt, um nicht den Nazischergen zum Opfer zu fallen?» Was er tatsächlich getan hat, das weiss ich nicht. Und was ich damals getan hätte, das weiss ich auch heute noch nicht. © Reformierte Medien und Autor |
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