«Die Gymi-Aufnahmeprüfung machte ich im Luftschutzkeller»

Pfarrer, Jahrgang 1923, Kanton Aargau (Name der Redaktion bekannt)

Wir Bauern haben es gut
Ich bin mit sieben Geschwistern auf einem Bauernhof abseits des Dorfes Schlossrued aufgewachsen. Wenn Dr. Heitz, der Tierarzt, auf den Hof kommen musste, blieb nach vollbrachter tierärztlicher Hilfe der Vater noch lange in ernstem Gespräch mit dem redegewandten, gebildeten Herrn. Anschliessend rapportierte er der Familie mit besorgter Stimme: «Die Weltlage ist ernst; Hitler will Krieg!» So oder ähnlich geschah das öfters zwischen 1935 und 1938. In der grossen Arbeitslosigkeit der 1930er Jahre sagte unser Vater oft tröstend zu uns Kindern: «Wir Bauern haben es gut; wir haben immer Arbeit und Brot!»

Weg von daheim, ins Haus der Tante
Meine Tante in Basel, eine herzensgute, weit gereiste Waadtländerin, sagte Anfang 1940 zu meinen Eltern: «Wenn Robert einst in Basel studieren will und dann bei uns wohnen möchte, will ich ihn nicht mehr; jetzt soll er kommen, jetzt!» Meinen Eltern leuchtete der Vorschlag ein. So besuchte ich ab Frühjahr 1940 anstatt die Kantonsschule Aarau das Humanistische Gymnasium Basel und wohnte bei Onkel und Tante, wobei letztere mich in Obhut und Nacherziehung nahm.

1940 im Frühjahr eröffneten Hitlers Armeen die Westfront und besetzten nach schnellen Blitzkriegen Holland, Belgien, Luxemburg und einen Teil von Frankreich. Meine Tante, ausgesprochen frankreich- und englandfreundlich gesinnt, wurde durch den Sieg der verhassten Deutschen in grosse Traurigkeit gestürzt und verlor ihre besten Kräfte. In der Folge ertrug sie schlecht, dass der Onkel und ich (Deutschschweizer!) in ihrer Stube Radio Beromünster hörten. Sie beschimpfte uns: «Vous, les boches!»

Als Folge des deutschen Erfolgs im Westen wuchs in der Schweizer Bevölkerung und erst recht im Grenzgebiet die Befürchtung, die Hitlerarmee setze ihren Siegeszug Richtung Schweiz fort. Viele Basler brachten sich Richtung Innerschweiz in erhoffte Sicherheit. Auch das Geschäft, in dem mein Onkel als Kaufmann arbeitete, evakuierte nach Engelberg; meine Gastgeberfamilie zog mit. Allein blieb ich im Haus zurück. Vor allem nachts hörte ich vom nahen Frankreich her Kriegslärm. Nach 14 Tagen kehrten Tante und Cousine nach Hause zurück, während der Onkel bis zur Rückkehr des Geschäftes oben bleiben musste. Die Nerven der Tante lagen ob des darnieder liegenden Westens blank.

Opfer des Kriegsverlaufs
Ich enttäuschte meine Tante. Ihre Umerziehungsversuche, mich vom schweizerdeutschen Landbub zum galanten, französischsprechenden Jüngling zu formen, gingen nur zäh oder gar nicht vorwärts. Der ständigen Auseinandersetzung müde, stellte die Tante mich im Herbst auf die Strasse. Ich fühlte mich – wenigstens teilweise – als Opfer des Kriegsverlaufs, der meiner Tante Nacherziehungskraft und Geduld geraubt hatte.

Hier noch drei Erinnerungen aus Basel:

  • Die Sommerferien 1940 verbrachte ich daheim in Schlossrued, in meiner Familie. Mit Stillschweigepflicht: «A la maison tu ne dis rien de notre bringue’ (Schwierigkeiten)», verlangte die Tante von mir vor meiner Heimreise.
  • Meine Aufnahmeprüfung ins Humanistische Gymnasium Basel am 25. April 1940 machte und bestand ich im Luftschutzkeller. Es war Fliegeralarm.
  • Am 1. April 1944, während meiner Maturfeier in der Martinskirche zu Basel, schrillten die Alarmsirenen. Wieder war Fliegeralarm: Schaffhausen wurde bombardiert.

 

Heute noch bewahre ich im Schreibpult einen Bombensplitter auf, den ich am Tag nach der nächtlichen Bombardierung von Basel (ca. 1943) aus einem Baumstamm der Gundeldinger Allee herausgelöst habe.

© Reformierte Medien und Autor

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