«Die Gestapo kam wegen Vaters Losungsbriefen»

Pfarrer Fritz Wagner, Jahrgang 1931, 5200 Brugg AG

Der Gestapo-Wagen mit Vater lief den Amerikanern in die Arme
Mein Vater hatte ein kleines Lebensmittelgeschäft in Ansbach im deutschen Mittelfranken. Er war von Jugend an Mitglied des Christlichen Vereins junger Männer (CVJM) und Kirchenpfleger. Manchmal sprach er in der Kirche Soldaten an, weil er wissen wollte, ob sie nur zur Tarnung da waren und uns ausspionieren wollten. Vater war kein Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Vor dem Krieg schrieb er monatlich einen Brief an CVJM-Leute, die ihm bekannt waren. Texte der Herrnhuter Losungen, Trostbriefe nur. Aber allein dass Vater bekannte, noch zur Kirche zu stehen, hätte damals schon für eine Verhaftung ausgereicht. Im Frühling 1945 wurde es brenzlig, So spannte Vater seine Familie ein, meine drei älteren Schwestern und mich. Wir teilten die Briefe unter uns auf und warfen sie in verschiedenen Postkreisen in die Briefkästen ein. Wir meinten, das sei eine gute Tarnung. Dann, im Mai 1945, besuchte uns ein guter Familienfreund, der in der örtlichen Druckerei arbeitete, wo auch die Listen der Gestapo gedruckt wurden, auf denen zur Verhaftung anstehende Leute standen. Darauf hatte er Vaters Namen entdeckt. Der Freund dachte daran, Vaters Namen zu streichen, aber das wäre zu riskant gewesen.

Ich war 13, Vater Ende 40, er war nicht eingezogen worden zum Kriegsdienst, weil er noch vom Ersten Weltkrieg her Wunden hatte. Wir beide schafften alle Unterlagen ausser Haus, die Schreibmaschine brachte ich der Tante in der Altstadt. Es klappte. Es war der 2. Mai, am 9. Mai sollte der Krieg zu Ende gehen. Man hörte schon Kanonendonner in den Städten der Nachbarschaft. Da tauchte die Gestapo auf und sagte meinem Vater, ein Soldat habe Suizid gemacht und dort einen Monatsbrief des Vaters gefunden. Welcher Soldat das war, erfuhr Vater nicht. Zwei Tage später nahm die Gestapo Vater mit, wir wussten nicht wohin. Für solche Typen gäbe es das KZ, sagten die Leute der Gestapo unter der Haustür. Ich wusste nicht, was das war, ich dachte, es sei ein Gefängnis.

Wir, seine Familie, standen allein. Wir werweissten, ob wir Vater zu Hilfe kommen sollten, aber wir hatten Angst und vertrauten auf Gott. Drei Tage später überrollte die Front der Amerikaner Ansbach. Der Transportwagen mit Vater lief den amerikanischen Fronttruppen in die Arme, Vater und andere kamen in US-Schutzhaft. Unser Vater war gerettet.

© Reformierte Medien und Autor

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