«Die Briefe des hingerichteten Landesverräters»

(Bild: zvg)

Pfarrer Theodor Pfister-Peter, Jahrgang 1921, 8600 Dübendorf ZH

Onkel Bundesrat für die Juden
Meine Eltern waren einfache Leute. Meine Mutter hatte früh ihre Mutter verloren. Ihr Vater heiratete dann eine Baumann. Deren Bruder Johannes Baumann war später Bundesrat (1934 bis Ende 1940). Wir hatten mit ihm keinen Kontakt. Dann bekamen meine Eltern Nachricht von einer Judenfamilie mit der verzweifelten Bitte, doch etwas zu tun, um sie vor dem Tod zu retten. Einzelheiten habe ich nie erfahren. Ich weiss nur, dass unsere Mutter an Bundesrat «Onkel Johannes» schrieb, er möge doch helfen, diese Familie zu retten. Wir bekamen nie eine Antwort. Aber die jüdische Familie durfte in die Schweiz einreisen. Genau der gleiche Ablauf ergab sich später noch ein paar Mal. Wenn ich mich recht erinnere, hatte die Mutter mit einigen dieser Familien noch längere Zeit Briefkontakt.

Flüchtlinge in der Kohle
Um uns zu schützen hat der Bundesrat erlaubt, dass Deutschland Kohlenzüge durch die Schweiz führen durfte. Es wurde dann bekannt, dass sich Flüchtlinge immer wieder in solchen Zügen versteckten und so in die Schweiz kommen konnten. Das gab von Deutschland Proteste und Drohungen. Daraufhin verfügte der Bundesrat, dass an der Grenze jeder Wagen mit Stangen durchsucht werden musste. Der Bahnhofvorstand von Pratteln sammelte dann seine Untergebenen und teilte ihnen die Verfügung des Bundesrates besorgt und streng mit. Als er seinen schriftdeutschen Vortrag beendet hatte, fügte er noch in Mundart etwas leiser bei: Ihr braucht ja nicht so tief in die Kohlen hineinzustechen.

Exekution eines Verräters
Gegen Ende des Krieges wurde bekannt, dass es der Polizei gelungen war, einen Landesverräter zu verhaften. Dieser Fall ist mir eindrücklich geblieben. Im Volk wurde heftig diskutiert, ob man als Staat oder Militär Landesverräter mit dem Tode bestrafen dürfe. Zwei bekannte Schweizer Theologen erstellten Gutachten. Beide sagten eindeutig ja. So kam das Morgengrauen. Ein Zürcher Pfarrer begleitete den Verurteilten zum Hinrichtungsplatz.

Für mich war die Sache nach der Exekution aber nicht fertig. Kurz nach Kriegsende freundeten sich meine Eltern in den Ferien mit einem Ehepaar an. Es waren die Eltern dieses Landesverräters. Der Sohn war arbeitslos gewesen, hatte Dienst bei den Grenzsoldaten getan. Als man ihm Geld bot, zeichnete er die Lage seiner Bunker und gab ihre Bewaffnung bekannt. Von diesen Eltern bekam ich Einsicht in die Korrespondenz ihres Sohnes, in seinen Abschiedsbrief an Vater und Mutter. Sicher ist, dass der Verräter für seine Handlung rund 3000 Franken erhalten hat. Er gestand in seinen Briefen seine Schuld, tat Busse und lehnte es zum Schluss ab, ein Gnadengesuch einzureichen. So wurde er erschossen.

Das Rekrutenregiment
Ich war gern Soldat. Schon vor der Rekrutenschule leistete ich für zwei Monate freiwilligen Dienst. Ganz freiwillig war er zwar nicht. 1940 wurde unsere Matura leicht vorverlegt und ohne mündliche Prüfung unter der Voraussetzung, dass wir anschliessend in der Landwirtschaft oder im Militär «freiwillig» Dienst leisten würden. Ich habe mich zum Fliegerbeobachtungsdienst entschieden. Nach der RS, im allerletzten Hauptverlesen, sagte der Kommandant, es gehe weiter, unsere Rekrutenschule bekomme eine besondere Ausbildung für den Nahkampf. Das Ganze hiess Rekrutenregiment.

Wir Soldaten mussten Boxkämpfe austragen, in tiefe Sandgruben hinunterspringen, auf Tannen klettern und uns über die äusseren Äste zu Boden gleiten lassen ... Es gab viele Schrammen, Verletzungen und Unfälle. Nach den ersten paar Wochen wurde ich abkommandiert in eine Unteroffiziersschule. Am Bahnhof sah ich zufällig, wie unsere Sanitätssoldaten ihr Material und vor allem ihre Kranken umziehen mussten. Ich zählte fast 200 Verletzte bei einer Regimentsstärke von 1000 Mann. Es ist leicht einzusehen, warum dieser Versuch nicht mehr wiederholt wurde. In allen Berichten, die ich später in den Zeitungen las, wurde das Rekrutenregiment nie erwähnt.

Einmal bekamen wir Befehl, in einem kleineren Dorf allen Menschen zu sagen, Deutschland habe an irgendeinem Ort die Grenze überschritten. Jedermann musste sich heimbegeben. Die Schüler wurden heimgeschickt. Läden geschlossen. Fahrzeuge aufgehalten. Sogar ein Zug der Talbahn durfte nicht weiterfahren. Dann kamen Obere, die unsere Offiziere scharf kritisierten. Die Übung wurde abgebrochen. Wir lachten. Es ist verständlich, dass dieses Rekrutenregiment in keinem Bericht über die militärische Sicherheit je erwähnt wurde.

© Reformierte Medien und Autor

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