«Die Ablehnung Deutschlands hat mich für 20 Jahre geprägt»

Bernhard Wachter (Bild: zvg)

Pfarrer Bernhard Wachter, Jahrgang 1929, 8248 Uhwiesen ZH

Bis 1965 nie nach Deutschland gereist
Ich bin in einem Pfarrhaus im Zürcher Oberland aufgewachsen und habe die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs, insbesondere die militärischen Aktionen, vom ersten bis zum letzten Kriegstag mit grossem Interesse verfolgt. Dabei habe ich einen wesentlichen Teil meiner geographischen Kenntnisse erworben. (Nur ein kleines Beispiel: Dass es in Nordafrika eine Cyrenaika und eine grosse und kleine Syrte gibt, weiss ich vom Rommelfeldzug.)

Das geistige Klima, das ich zu Hause, aber auch in der Gemeinde mitbekam und natürlich teilte, war klar: Wir hatten einen eindeutigen Feind (Hitler, die Nazis), den wir ablehnten und verachteten. Diesen Feind erweiterten ich und viele mit mir ganz einfach auf «die Deutschen». Die Ablehnung Deutschlands in meiner Jugendzeit hat mich so stark geprägt, dass ich noch mindestens bis 20 Jahre nach Kriegsende nie daran dachte, Reisen in unser nördliches Nachbarland zu machen und die Schönheiten Deutschlands kennen zu lernen.

Anpasser waren für uns Landesverräter
Dass es in der Schweiz auch Anpasser gab, wussten wir zwar, für uns aber waren dies Landesverräter. Ich erinnere mich übrigens an keinen einzigen Fröntler in unserer Gemeinde, an unserem Familientisch war auch nie von solchen die Rede. Hingegen weiss ich noch gut, wie mein Vater nach dem Zusammenbruch Frankreichs im Sommer 1940 bei der berüchtigten Radio-Rede von Bundesrat Pilet-Golaz voller Entrüstung ausrief: «So, simer jetz au so wit!»

Die Landesverteidigung, selbst die Reduit-Strategie, stand für uns ausser Diskussion. General Guisan verehrten wir, er war ja, auch aus meiner heutigen Sicht, damals ein Glücksfall für die Schweiz.

Einmal oder mehrmals hat mein Vater jüdischstämmigen Deutschen, die einst in unserer Kirchgemeinde getauft worden waren, auf ihr Gesuch eine Taufbestätigung ausgestellt, in der Hoffnung, sie damit vor Verfolgung zu bewahren. Ob mein Vater damals wusste, dass ein solches Dokument den Gesuchstellern gar nichts nützte, weiss ich nicht mehr.

Vom wirtschaftlichen und geschäftlichen Verhalten der Schweizer gegenüber Deutschland bekam ich nichts mit. Auf Grund meiner Jugendeindrücke ist es mir nur klar, dass es billig ist, heute die eigenen Vorfahren zu kritisieren. Unseren jetzigen Historikern gegenüber, die oft so gut wissen, wie man sich seinerzeit hätte verhalten sollen, kann ich mich des Eindrucks häufig nicht erwehren, dass sie sich unsere Situation während des Krieges, das heisst, das totale Eingeschlossensein von Hitler-Deutschland, gar nicht mehr vorstellen können.

© Reformierte Medien und Autor

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