«Der Nachbar wäre beim Einmarsch Gauleiter geworden»

(Bild: zvg)

Pfarrerin Doris Voegelin, Jahrgang 1926, 4125 Riehen BL
(aufgezeichnet von Monika Dettwiler)

Fabrikleiter hielt Hakenkreuzfahne bereit
Wir haben die Vorkriegszeit sehr intensiv erlebt. Oft gingen wir jenseits der Grenze im Badischen wandern und schwimmen. 1936 sagte mein Vater, wir gehen nicht mehr nach Deutschland, es ist zu gefährlich. Er arbeitete in einer Bank, er war sehr weitsichtig. In der Nachbarschaft waren Leute, die gehörten zu den 200, die 1940 vom Bundesrat eine verstärkte Anpassung an das nationalsozialistische Deutschland verlangten. Der Papa meiner Kindergarten- und Primarschulfreundin, ein Anwalt, gehörte auch dazu. «Hitler, das ist ein Kerl», sagte ein anderer Nachbar. Auf der anderen Seite der Grenze trafen sich die Leute in Restaurants. Ein Deutscher in der Nachbarschaft war Leiter einer namhaften Fabrik, er hatte bereits die Hakenkreuzfahne bereit und wäre beim Einmarsch Deutschland Gauleiter geworden.

Beobachten durch die Dachluke
Meine Schwester und ich sahen während des Winters 1939/40 von der Dachluke aus das Mündungsfeuer, als vom Badischen ins Elsass geschossen wurde, wir hörten die Einschläge. Eine Bekannte der Familie wurde während einer Beschiessung mit Bordwaffen in ihrem grenznahen Haus verletzt und blieb dann behindert, sie bekam einen Rollstuhl. Während der Anbauschlacht von Bundesrat Wahlen hatten wir wie andere zwei Aren Pachtland dort, wo jetzt ein Schulareal ist. Ich musste heimgehen, um für die Eltern etwas zu holen. Einmal, ich war gerade zurückgekehrt und im Keller, ging der Fliegeralarm los. Ich war allein zu Hause. Es knallte so, dass ich dachte, die Bomben explodierten neben unserem Haus. Ich hatte Angst, auch um die Eltern, die noch draussen waren. Später wurde gemeldet, dass es sich um die Bombardierung des etwas weiter entfernten Kembser Kraftwerks gehandelt hatte. Aber es wurden keine Menschen verletzt, es gab nur Sachschaden und Stromausfall.

Ich erinnere mich noch, dass wir viele Jüdinnen in der Klasse hatten, teils sehr orthodoxe, teils liberale. Einige Familien emigrierten nach Amerika, andere blieben und setzten sich grossartig ein, um Flüchtlingen zu helfen.

Flucht in die Romandie
Während des Kriegs war die mittlere Brücke in Basel unterminiert und nur noch eingleisig befahrbar. Immer waren Militärs dort mit dem Auftrag, im Notfall die Brücke zu sprengen. Mein Papa war im Dienst Offizier in der Zentralschweiz. Riehen hätte nicht gross verteidigt werden können. Es gab nur Landsturm- und Hilfsdienstposten, bei einem Einmarsch wären wir preisgegeben gewesen.

Eine Cousine meiner Mutter führte in der Romandie ein Mädchenpensionat, das leer stand seit Kriegsanbruch. Sie hatte uns eingeladen, für den Notfall. Bei der zweiten Generalmobilmachung am 10. Mai 1940 nahmen wir das Angebot an, gingen mit Koffer und Rucksack unter Tränen von zu Hause weg, als Flüchtlinge im eigenen Land, per Bahn, Autostopp und zu Fuss. Von jenem abgelegenen Dorf aus musste ich nach Vevey VD zur Schule gehen.

In jener Zeit, es war Mai, lernte ich die Montreux-Narzissen kennen. Im Herbst hiess es, die Situation habe sich einigermassen entspannt, und wir gingen heim nach Basel, weil ich sonst meinen Platz im Gymnasium verloren hätte. Wir wollten auch in Basel sein, wenn Vater zurückkehren durfte. Das war für mich eine wichtige Lebenserfahrung, mich einfühlen zu können in die Situation von Flüchtlingen. Diese Erfahrungen lösten aus, dass ich bei der Gründung der «Frauen für den Frieden» dabei war.

© Reformierte Medien und Autorin

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