«Christliche Kreise hatten oft viel Sympathie für Hitler»

Pfarrer, Jahrgang 1929, Kanton Zürich (Name der Redaktion bekannt)

Bewunderungsbrief an den Duce
Ich habe einige Hemmschwellen überwinden müssen. Einerseits beziehen sich meine Notizen zum Teil auf Menschen, die mir persönlich nahe stehen und die ich nicht verpetzen möchte. Andererseits handelt es sich um fast so etwas wie Bubenstreiche, denen man kein ernstzunehmendes Gewicht beimessen sollte.

Ich erinnere mich an zwei junge Leute im Teenageralter während der Kriegszeit, die aus Gründen, die mir unbekannt waren, an Benito Mussolini schrieben, um dem Duce ihre Bewunderung für ihn mitzuteilen. Das italienische Konsulat bedankte sich jedenfalls, sehr erfreut für dieses Zeichen der Bewunderung. Diese Begebenheit ist wohl lediglich als Kuriosum zu bewerten. Dass die beiden Jungmänner Mitglieder einer christlichen Jugendgruppe waren – wie soll man das gewichten?

Aus demselben Umfeld einer christlichen Jugendgruppe (der ich selber auch angehörte) stammt eine Reminiszenz, die wohl ähnlich zu gewichten ist: Ein junger Mann, sehr begabt und feurigen Temperaments, begeisterte sich für das Lied «Deutschland, Deutschland über alles». Wenn nun in der Musikgruppe Liederwünsche freigegeben wurden, schlug er vor, «Jesus, Jesus über alles» mit der gleichen Melodie wie das Deutschlandlied zu singen. Das gab dann Kontroversen. Wie der Gruppenleiter entschied, weiss ich nicht mehr.

Dass daneben nicht nur junge Leute christlicher Gesinnung sich für das braune Gedankengut begeisterten, ist mir am Exempel einer älteren Frau im Gedächtnis. Sie war Mitglied einer Freikirche, verteidigte aber Hitler und seinen furchtbaren Anhang mit aller Entschiedenheit. Dass christliche Kreise oftmals viel Sympathie für die Hitlerei aufbrachten – was mag dahinterstecken?

© Reformierte Medien und Autor

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