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«Bei uns in Holland gingen die Deutschen ein und aus»
Pfarrer Hans van der Geest, Jahrgang 1933, 8032 Zürich Die Wehrmacht auf Männerjagd Auf dem Spielplatz eines Kindergartens hatte die Stadtverwaltung unter einem Vordach Strohballen gelagert. Eine Mauer trennte den Spielplatz von der Strasse, so dass der Strohhaufen nicht sichtbar oder zugänglich war. Dort sind mein Vater und ein halbes Dutzend Nachbarn hinübergeklettert. Im Stroh haben sie sich Höhlen geschaffen und sich vor den Deutschen versteckt. Wir wohnten gerade vis-à-vis mit Blick auf die Mauer, hinter der mein Vater sich verbarg. Das stelle man sich einmal vor: Deutsche fahren vor, stellen ihre Maschinengewehre aufs Trottoir. Sie schreien in bekannter lauter deutscher Art Befehle herum. Sie schlagen an unsere Haustüren, stürmen die Treppe hoch und fragen, wo die Männer seien. Meine kleine Schwester und ich zittern. Ein Soldat mit Waffe steht in unserer Stube! Wir hören, wie unsere Mutter den Soldaten anlügt: Unser Papi sei schon lange in Deutschland. Der Hüne schaut ein wenig herum, auch in der Küche. Und geht wieder. Wir brechen in Tränen aus. Tage- und nächtelang hoffen und beten wir, dass die Soldaten unseren Vater und seine Kollegen nicht finden. Jeden Abend, wenn keine Gefahr zu drohen scheint, gehen Frauen zur Mauer hinüber und reden mit ihren Männern. Sie werfen Pakete mit Essen und Trinken hinüber. Sobald das Geräusch eines Autos ertönt, stieben die Frauen. Ungefähr 8000 Männer haben sich gemeldet und sind abtransportiert worden. Die Deutschen hatten mit sechs- bis siebenmal mehr gerechnet. Nach einigen Tagen krochen mein Vater und die anderen aus dem Stroh hervor und wagten sich nach Hause. Sobald Widerstandsgruppen uns warnten, verschwanden sie wieder in ihre Verstecke. Einmal gab es bei uns eine neue Hausdurchsuchung. Man hatte uns jedoch rechtzeitig warnen können. Mein Vater hatte inzwischen einen besseren Unterschlupf unter dem Küchenboden bei einem Nachbar gefunden und versteckte sich dort. Die Männerjagd führte dazu, dass fast alle Dienste in der Stadt zusammenbrachen. Überall fehlten Schlüsselpersonen. Die Folge waren Unterversorgung und lange Schlangen vor den Läden. Es wurde ein grausamer letzter Kriegswinter. Neigen wir Menschen zur Anpassung? Wer mitten drin lebt, kann sich noch nicht auf eine allgemein anerkannte Interpretation stützen. Er muss zu einem grossen Teil selbst urteilen. Das war und ist nicht leicht! Deutschland war im Jahre 1940 siegreich. Es sah danach aus, dass sich die deutsche Vorherrschaft auf unabsehbare Zeit über ganz Europa ausbreiten würde. Es gab Leute, die sich dagegen wehrten, sie gehörten Widerstandsgruppen an. Sie waren jedoch wenige, meist strenggläubige Protestanten oder überzeugte Kommunisten. Für die meisten Menschen lag es anders. Sie sahen den Umfang der deutschen Siege, die Ohnmacht der Geschlagenen. Was sollte man denn der alten Zeit nachtraueren? Sollte man nicht eher realistisch bleiben und die Zeichen der Zeit verstehen? Von dieser Einstellung her zur Mitarbeit mit den Besatzern war es nicht weit. Die Deutschen gaben sich anfangs Mühe, uns Niederländer für sich zu gewinnen. Wir seien ja ebenfalls Arier! Wenn das Naziregime hie und da sein wahres, grausames Antlitz zeigte, drückte man ein Auge zu. Das Entsetzen über die Bombenopfer und über Massnahmen gegen die jüdischen Mitbürger, die schon bald getroffen wurden, trat erstaunlich schnell hinter eine neue politische Einstellung zurück: eine Haltung der Anpassung und sogar Mitarbeit in Bezug auf die deutsche Besatzung. Zahlreiche Niederländer, besonders aus gebildeten Kreisen, fanden an den Deutschen viel Gutes. In den Dreissiger Jahren war häufig Kritik an der Demokratie und ihrer langsamen Beschlussfassung geübt worden. Mancher fand, dass es die Deutschen besser machten. Auch die Aufspaltung der niederländischen Gesellschaft in Protestanten, Katholiken und Neutrale war vielen ein Dorn im Auge. Sie erhofften sich, dass wir jetzt als «Volk» mehr zu einer Einheit finden würden. Die Deutschen würden uns dabei helfen. Hofften sie. Bei uns gab es eine deutschfreundliche Stimmung Bei mir zuhause: Meine Mutter war nach dem Ersten Weltkrieg gleichsam als Wirtschaftsflüchtling aus Deutschland nach Holland eingewandert. Politisch war sie völlig uninteressiert, und auch mein holländischer Vater hielt sich da heraus. Aber als Hitler blendenden Erfolg hatte, gefiel das meiner Mutter sehr. Hass auf die deutschen Soldaten konnte sie schwerlich empfinden, zumal ab und zu alte Schulfreunde sie nun als Korporal oder Leutnant mit viel Getöse besuchen kamen. Also gab es bei uns eine deutschfreundliche Stimmung. Ja, sicher, Hitler wird den Krieg gewinnen! Unser Radio schepperte laut, als Hitler seinen Siegeszug in Paris feierte. Mein Vater war Coiffeur. Er hatte jahrelang zahlreiche jüdische Kunden bedient. Er konnte wissen, wie die jetzt in Not waren. Zudem war die Wohnung seines Cousins in Rotterdam durch die Bomben verwüstet worden. Dessen Kinder kamen vorübergehend, eins nach dem anderen, ein paar Wochen zu uns, als Notlösung. Dann kamen El-Alamein und Stalingrad. Jetzt war klar: Die Deutschen konnten den Krieg nicht gewinnen. Inzwischen hatten die Besatzer in unserem Land derart fürchterliche Verbrechen begangen, dass ihnen bald immer weniger Wohlwollen entgegengebracht wurde. Bei uns zuhause änderte sich die Einstellung ebenfalls. Vom deutschen Sieg wurde nicht mehr gesprochen. Meine Mutter bat ihre Soldaten-Schulkameraden, nicht mehr vorbeizukommen. Die Nachbarschaft hatte die lauten deutschen Begrüssungen vor unserer Haustüre mit Widerwillen wahrgenommen. Zuerst kümmerten sich meine Eltern nicht um die Nachbarn. Jetzt begannen sie sie zu fürchten. Was würde geschehen, wenn die Alliierten uns befreiten? Wie würde es den Sympathisanten der Deutschen an jenem Tag ergehen? Nun war ich zwölf. Ich habe mich wegen ihrer opportunistischen Haltung für meine Eltern geschämt. Vater hatte sich versteckt und einfach Glück gehabt, dass er nie aufgedeckt wurde. Und doch. Wie hätte ich gehandelt, wenn ich erwachsen gewesen wäre? Ich danke Gott, dass ich nie in eine solche Lage kam. Ich möchte kein Opportunist sein, aber mir ist bewusst, wie schnell man einer wird. Ich denke mit grossem Respekt an all jene, die mutig waren und sind – die offen zu ihrer Meinung stehen. Unbeugsamkeit ist gewiss nicht immer gut. Wenn es um Humanität geht, ist sie jedoch die einzig ehrbare Haltung, auch wenn man durch sie Schaden erleidet. © Reformierte Medien und Autor |
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