«Aus dem Tagebuch meiner Mutter, die beim FHD war»

Pfarrer Walter von Arburg, Jahrgang 1933, 8575 Bürglen TG

Selber war ich damals noch ein Kind, erfuhr aber von meiner Mutter, die beim Frauenhilfsdienst (FHD) eingeteilt war, sehr vieles, was sie damals bewegte. Hier kurze Auszüge aus den tagebuchartigen Notizen, die meine Mutter Elisabeth von Arburg-Nater (geb. 1901, gest. 1985) in einer Familienchronik niedergeschrieben hat:

Erschüttert beim Anblick der vielen Verwahrlosten
«Mein erster Einsatz für die Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes war in Genf, November 1942 bis April 1943. Mit Rosa Näf, die im besetzten Frankreich ein Heim für jüdische Flüchtlingskinder geführt hatte, erhielt ich den Auftrag, das Centre Henri Dunant zu organisieren. Diese Flüchtlinge, die meisten aus Polen und Deutschland, waren bis jetzt in unseren Militärlagern untergebracht. Aber ohne die Hilfe des freiwilligen Rotkreuzkomitees in Genf wäre es unmöglich gewesen, in kürzester Zeit ein Durchgangslager mit Matratzen zu beschaffen. Das ehemalige grosse Hotel oberhalb dem Palais des Nations, an der Avenue de la Paix, war vollkommen leer und stand uns zur Verfügung. Die Genfer Hilfsorganisation hatte schon seit zwei Jahren Kindertransporte aus dem besetzten Frankreich ins Wallis durchgeführt. So hatten sie Erfahrungen und waren zur Mithilfe bereit. Schon nach wenigen Tagen kamen die ersten Transporte. Ich war erschüttert vom Anblick der vielen Verwahrlosten, einige kannten nicht einmal ihren Namen. Die Familien waren auseinandergerissen, die Eltern deportiert.»

Jüdisches Flüchtlingskind in der Klasse
«Die circa 11-jährige Toni Rosenblatt nahm ich mit nach Hause. Sie war kurz vor dem Krieg mit vielen anderen jüdischen Kindern nach Belgien in Sicherheit gebracht worden. Sie alle wurden dann doch vom Krieg überrascht, und Toni war jahrelang auf der Flucht. In Südfrankreich wurde sie in einem Schweizer Heim aufgenommen. Da aber auch dort Razzien gemacht wurden, schlug sie sich mit ein paar grösseren jüdischen Kindern bis zur Schweizer Grenze durch und kam im Winter ins Centre Henri Dunant. Sie hatte noch keinen Schulunterricht gehabt. Im Kurzdorf (Frauenfeld) konnte sie aber mit Walter in die gleiche Klasse. Die Eltern und drei Geschwister von Toni waren von Aachen aus deportiert und vermutlich vergast worden. Alle späteren Nachforschungen blieben erfolglos...»

Nachts kamen die Flüchtlinge aus Frankreich
«Im Herbst 1940 absolvierte ich in Morschach den Einführungskurs zum FHD. Ich wurde dem Stab der 2. Division in Zweisimmen zugeteilt. Es waren Freiburger und Neuenburger Truppen. Ich wurde als Telefonistin eingesetzt, und mit Freude machte ich jeweils Dienst. Mit der 2. Division hatte ich meinen interessantesten Dienst im Winterhalbjahr 1944 in Pruntrut. Die Kriegsfront lag in nächster Nähe. Pruntrut war mit Sandsäcken verbarrikadiert und geschützt. Nachts kamen jeweils die Flüchtlinge aus dem nahen Frankreich. Unser Major nahm mich einmal mit bis zur nahen Grenze. Wir sahen über das weite Land, wo immer wieder Einschläge erfolgten und Rauch aufstieg...»

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