«Auf dem Buch des jüdischen Professors stand plötzlich ein arischer Name»

Pfarrer, Jahrgang 1920, Kanton Basel-Stadt (Name der Redaktion bekannt)

Primarlehrer warnt vor Juden
Im Frühling 1927 begann meine Primarschulzeit. Meine Eltern zahlten regelmässig Schulgeld an die «freie evangelische Volksschule» an der Kirschgartenstrasse. Der Lehrer unterrichtete unsere Klasse noch die letzten vier Jahre vor seiner Pensionierung. Zu seinen Arbeitsmitteln gehörten auch zwei hölzerne Gegenstände: die Violine und der Stock. Täglich gab es je eine halbe Stunde Singen und biblische Geschichte. Vorher war der vom Lehrer gesprochene und von der Schulklasse stehend angehörte Gebetsvers selbstverständlich. Ich kann mich erinnern, dass mich die biblischen Erzählungen faszinierten, auch die alttestamentlichen, aber dass er bei anderen Gelegenheiten sich karikierende Äusserungen über seine jüdischen Zeitgenossen erlaubte und uns Schulkinder vor dem Einkaufen in jüdischen Geschäften warnte. Nach der «Machtübernahme» durch die Nazis lobte der pensionierte Lehrer in einem Leserbrief in der Zeitung, wie viel man jetzt in Lörrach drüben für die Arbeitslosen tue.

Hakenkreuzfahnen im Schwarzwald
Mein Vater wanderte leidenschaftlich gern. Meine Mutter, die beiden Schwestern und ich durften oder mussten mitmarschieren, auch als wir Kinder noch kurze Beine hatten. Es konnte ein Nachmittagsspaziergang sein, eine viertägige Wanderung in den Schulferien oder etwas dazwischen. Zuerst zeigte mein Vater eine auffallende Vorliebe für den Schwarzwald. Aber diese hörte fast mit einem Schlag auf, als dort die Hakenkreuzfahnen und eine seltsame Überheblichkeit mancher Leute das Bild bestimmten.

Nazis verulken in der Schule
Eine Pfadfinderabteilung hatte Familienabend. Ich war vor kurzem in sie eingetreten. Nun hatte ich bei der «Produktion» meines «Stammes» mitzuwirken, in der einige Bilder aus dem Volksleben in Basel und Umgebung witzig dargestellt werden sollten. Ein Thema waren die damals zunehmenden Auftritte nationalsozialistischer Organisationen im nahen Lörrach. Mit den Uniformhemden der Pfadfinder liessen sich die der SA andeuten; dazu hatte sich jeder der Darstellenden eine Armbinde mit Hakenkreuzwappen anzufertigen. – Nun marschierte die Truppe im Gleichschritt auf die Bühne; der Redner hob die Hand zum «Hitlergruss» und hatte eine Brandrede zu halten. «Volksgenossen, Volksgenossinnen! ... !» Von seiner Rede blieb mir später ein Satz: «Der deutsche Mann ist hochgewachsen; blondes Haar und blaue Augen zeichnen ihn vor den anderen aus!» Als Redner war ich ausersehen, weil ich der Kleinste war und dunkelbraune Haare und Augen hatte. Das sollte besagen: Diese Nationalsozialisten sind eher lächerliche Phantasten.

Eine solche Meinung war damals bei uns weit verbreitet. Aber mit der Zeit wurde das «lächerlich» durch «unheimlich» ersetzt, und die «Phantasten» erwiesen sich als Eroberer. Was sollte man dazu sagen? – Man hatte sich verrechnet, und Gottvertrauen ist keine Selbstverständlichkeit. Am besten schweigen?

Gymnasium: Zwei Parteien im Lehrerzimmer
Jahrzehnte später, an einem Treffen meiner alten Klassenkameraden, hat einer von ihnen sich erinnert, im Lehrerzimmer habe es ja damals zwei Parteien gegeben, die nicht mehr miteinander gesprochen hätten, die Verehrer und die Gegner Hitlers. Der Deutschlehrer hatte bisher mit dem Literaturlehrbuch eines Professors jüdischer Abstammung gearbeitet. Plötzlich kam das Buch unter dem Namen eines arischen Oberstudienrates heraus, und der Lehrer äusserte sich sehr scharf über diesen Diebstahl. Bei Gelegenheit zitierte er aus Schillers «Wilhelm Tell»: «die braune Liesel kenn’ ich am Geläut.» Der Geschichtslehrer war auch ausserhalb der Schule als senkrechter Politiker bekannt.

Wie durchhalten?
Der Zweite Weltkrieg brach aus. Trotz Brille, Senkfüssen und schlechten Noten im Turnen wurde ich zu meinem Erstaunen als diensttauglich akzeptiert. In neun Dienstperioden, unterbrochen durch Semester an der Universität, war ich Truppensanitäter in einer Füsilierkompanie.

Man wusste, dass manche Offiziere Hitler verehrten, in der Ostschweiz vielleicht mehr als im Westen. Ein Dienstkamerad bemerkte einmal, wenn «die Deutschen kämen», müssten wir zuerst einmal alle deutschfreundlichen Offiziere totschiessen. Hingegen fand ein junger Mann aus meinem zivilen Bekanntenkreis, die Schweiz habe beim Einmarsch der Deutschen in Frankreich eine historische Gelegenheit verpasst: Sie hätte als Bundesgenossin Hitlers die Franche-Comté erobern sollen. Ich kenne aber keinen, der beistimmte.

Sich vom brutalen Deutschland bedroht zu wissen und zugleich für die Durchfuhr von Nahrungsmitteln und gegen die Arbeitslosigkeit in manchen Berufen dessen «guten Willen» nötig zu haben, das bedrückte nun sechs Jahre lang. Ein Beispiel: An der Viaduktstrasse in Basel war bei der grossen Garage Schlotterbeck eine hohe Bretterwand. Durch einen Spalt konnte man deutsche Wehrmachts-Lastwagen sehen, die dort vor oder nach der Reparatur lagerten. Was hätte man dazu denken sollen?

Wer heutzutage das Benehmen der für Politik und Wirtschaft damals Verantwortlichen kritisiert, verlangt Übermenschliches, meine ich. Er hätte es nicht besser gemacht.

© Reformierte Medien und Autor

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