«An der Tessiner Grenze mussten wir Flüchtlinge fangen»

Pfarrer Karl Stokar, Jahrgang 1921, 8049 Zürich

Katholiken halfen uns Reformierten im Entlebuch
Als Soldat, Unteroffizier und Leutnant habe ich während des Kriegs total rund. eineinhalb Jahre Dienst in einem traditionsreichen Zürcher Schützenbataillon geleistet. Damals waren die Zürcher noch fast alle reformiert. Wir waren oft im luzernischen Entlebuch stationiert, denn unsere Kriegsstellungen befanden sich auf der «Schrattenfluh». Die Entlebucher Bauern und Sennen waren fast alle katholisch. Sie lebten in sehr bescheidenen Verhältnissen. Wir Soldaten waren oft nass (in der dortigen Gegend gibt es viele Sümpfe, und es regnet dort häufig). Unsere Schuhe waren kotverschmiert. Obwohl sich die Angehörigen der erwähnten Konfessionen damals noch recht fremd und distanziert gegenüberstanden, nahmen uns die Bergbewohner gastfreundlich in ihre Ställe, Scheunen, Küchen, ja Wohnstuben auf. Sie bewirteten uns, ohne Bezahlung zu verlangen, mit Kaffee und bescheidenen Lebensmitteln. Das haben wir nie vergessen. Ihnen sei dafür Dank gesagt! Wir waren Augen- und Ohrenzeugen, wie die Väter und Mütter vor und nach dem Essen mit ihren Kindern beteten.

Flüchtlinge fangen an der Grenze
An der Tessinergrenze mussten wir Flüchtlinge fangen. Wer eine Uniform trug, durfte in der Schweiz bleiben. Das waren amerikanische und englische Soldaten, die in Italien aus deutschen Gefangenenlagern fliehen konnten. Sie waren in Lebensgefahr. Wenn die Wehrmacht sie erwischte, wurden sie sofort erschossen.

Es kamen deutsche Deserteure. Sie waren auch in Lebensgefahr, denn in der Wehrmacht wurde jeder wieder erwischte deutsche Fahnenflüchtige hingerichtet. Sie durften deshalb auch bei uns bleiben.

In der Schweiz bleiben durften auch Deutsche, die mit Dokumenten nachweisen konnten, dass sie als Angehörige der sozialistischen oder kommunistischen Partei in Deutschland in Lebensgefahr waren. Solche Personen kamen nur wenige.

Die Juden trugen weder Uniform noch solche Dokumente auf sich. Sie wurden wieder ausgeschafft. Es sollen während des Krieges 30'000 Juden in die Schweiz aufgenommen worden sein. Die gleiche Anzahl durfte nicht bleiben. Uns Soldaten sagte man: «Die Juden werden in Polen in der Landwirtschaft beschäftigt.» Das schien uns ganz vernünftig zu sein. Von den Konzentrationslagern wussten wir nichts.

Unterschwelliger Antisemitismus
Die Lebensmittel waren scharf rationiert. Es gab finanziell schlecht gestellte Schweizer, die sich die rationierten Lebensmittel wie Fleisch oder Schokolade nicht leisten konnten. Sie verkauften im Zürcher Hauptbahnhof deshalb ihre Rationierungskarten an finanziell besser gestellte Personen.

Es gab in der Schweiz Menschen, die mit dem Nazi-Regime in Deutschland liebäugelten – bis in die gut gestellten Volksschichten hinauf. Das hing wahrscheinlich mit dem unterschwellig vorhandenen Antisemitismus zusammen.

© Reformierte Medien und Autor

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