Pfarrer Max Eglin, Jahrgang 1921, 4102 Binningen BL
(Pfarrer Max Eglin ist am 24. August 2009, kurz nach der Aufzeichnung dieser Worte durch seine Tochter, verstorben.)
Mobilmachung und ein nazifreundlicher Bauer
2. September 1939, es war ein schöner Herbsttag. Man spürte, dass etwas in der Luft lag. Am Tag zuvor hatte man im Radio die bellende Stimme Hitlers gehört: «Seit heute morgen, vier Uhr, wird zurückgeschossen.» Die deutsche Wehrmacht hatte die polnische Grenze überschritten, der Zweite Weltkrieg begonnen. Die Schweiz reagierte mit der Kriegsmobilmachung. Das Mobilmachungsplakat wurde am Gemeindehaus angeschlagen. Mit der Glocke im Türmchen auf dem Gemeindehaus wurde Sturm geläutet. Die Stimmung im Dorf war ernst aber gefasst. Es war wie vor einem drohenden Gewitter, wenn der Himmel sich verfinstert und dunkle, schwere Wolken aufziehen. Und woher das Gewitter drohte, war auch klar.
Die wehrfähigen Männer mussten einrücken. Wir halfen dem Vater, den Kaput (Soldatenmantel) zu rollen und auf den Tornister zu schnallen und die Vollpackung zu erstellen. Und dann galt es, ihn ziehen zu lassen in eine ungewisse Zukunft.
Im Dorf wurden die nicht mehr dienstpflichtigen Männer zur Ortswehr zusammengefasst. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie in Reih und Glied auf dem Schulhausplatz standen. Ihre Waffe war das Langgewehr, am linken Arm trugen sie rote Armbinden mit dem Schweizerkreuz und vom Gemeindepräsidenten wurden sie vereidigt. Ihr Auftrag war, im Ernstfall zerstreute deutsche Soldaten, die eventuell mit Fallschirmen abgesetzt worden waren, gefangen zu nehmen oder zu töten und vor allem auch Angehörige der so genannten 5. Kolonne im Auge zu behalten. In unserem Dorf war nur ein Bauer, dem man Nazifreundlichkeit nachsagte. Im Ernstfall wäre es wahrscheinlich für ihn schwierig geworden. Man war entschlossen, wenn es darauf angekommen wäre, so gut es ging Widerstand zu leisten.
Traktor für die Evakuierung
Während des Krieges war es meine Aufgabe, die Kühe zu melken und bei der Kartoffel- und Obsternte zu helfen. Es war eine strenge Zeit, aber es ging eigentlich recht gut. Mit Interesse und unguten Gefühlen verfolgte man die Nachrichten vom deutschen Blitzkrieg im Westen, man fühlte sich bedroht. Wir hatten einen so genannten Autotraktor – einen zum Traktor umgebauten Personenwagen. Sein Tank musste immer mindestens halbvoll sein, denn am Anfang des Krieges plante man, bei einem Angriff der Deutschen einen Teil der Zivilbevölkerung zu evakuieren. Später ist man davon abgekommen.
Kriegsende
Es war ungefähr im April 1945. Ich war in einer Vorlesung an der Uni Basel. Auf einmal hiess es, alliierte Panzer seien im Anmarsch auf St. Louis. Diesen historischen Moment wollten wir natürlich nicht verpassen. Ein Kollege und ich liessen die Vorlesung sein und machten uns auf den Weg an die Grenze, nach Hegenheim. Und tatsächlich sahen wir die Panzer aufgefächert übers Feld heranrollen. Wir sahen versprengte deutsche Soldaten im Dorf davonspringen oder mit dem Velo davonfahren, wir freuten uns, Soldaten der ehemals als unbesiegbar geltenden, arroganten Wehrmacht vor alliierten Panzern fortrennen zu sehen.
© Reformierte Medien und Autor
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