Pfarrer Hans Heeb, Jahrgang 1927, 8272 Ermatingen TG
Junge Vorarlberger zu Besuch
Ich bin aufgewachsen im obersten «Heimet» oberhalb des Dorfes Sax im St. Galler Rheintal. Direkt am Haus vorbei führt ein Weg, auf dem man zu den bekannten Kletterbergen, den Kreuzbergen, kommt. Vor dem Krieg kamen oft ein paar junge Vorarlberger an unserem Haus vorbei, das heisst, es gehörte bald einfach dazu, dass sie auf der Bank vor dem Haus oder in unserer Küche ihren Zvieri auspackten und von uns ein Glas Most bekamen. Ein Besuch jener jungen Vorarlberger ist mir aber in besonderer Erinnerung geblieben. Es war unmittelbar nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Die jungen Vorarlberger erzählten begeistert. Deutsche Militärflugzeuge hätten ihr Dorf in geringer Höhe überflogen. Man habe Angst gehabt und gefürchtet, dass das Dorf nun bombardiert werde. Doch die Flieger hätten Blumen abgeworfen. Dann aber sind unsere jungen Vorarlberger ausgeblieben. Was ist aus ihnen geworden? Haben sie den Krieg überlebt? Wir haben keinen von ihnen je wieder gesehen.
Keine Schule bei Kriegsausbruch
Es war am 1. September des Jahres 1939, einem unvergesslich schönen Herbsttag. Etwas vor halb sieben Uhr hatte ich mich auf den Schulweg gemacht – ich war damals 12 Jahre alt. Auf halbem Weg traf ich einen Nachbarn, der Emd mähte. «Bub, wo willst du hin?», fragte er mich. «In die Schule», antwortete ich etwas irritiert. Dann sagte er: «Du kannst wieder umkehren, euer Lehrer hat heute morgen einrücken müssen, der Krieg ist ausgebrochen.» Mit zwiespältigen Gefühlen ging ich wieder nach Hause. Offenbar fand zunächst einmal keine Schule statt – das hörte sich gut an – andererseits war an diesem herrlich schönen Morgen irgendwo der Krieg ausgebrochen. Das Läuten hatten wir auf unserem abgelegenen «Heimet» überhört.
Mein Götti war Soldat
Mein Vater war nicht militärdienstpflichtig. Als Kind war er einmal am Fuss operiert worden. Mein Götti, ein Landwirt aus dem Nachbardorf Frümsen, leistete aber Militärdienst. Er war eingeteilt im Grenzschutzbataillon 284. Wenn dieses Bataillon einrücken musste oder entlassen wurde, geschah das immer auf einer Wiese neben dem Feuerwehrhaus in Gams. Wenn das Bataillon wieder einmal entlassen wurde, durfte ich meinen Götti abholen. Die Soldaten aus Sax, Frümsen und Sennwald nahmen dann ihre Vollpackung auf den Rücken und marschierten auf der staubigen Naturstrasse nach Hause. Einer dieser Soldaten war Korporal. Gelegentlich sprach er auch einmal mit mir. Wenn das geschah, «lief es mir kalt den Rücken hinunter». Ich war der Meinung, dass «ein so Hoher» nicht mehr mit Knaben sprechen würde.
Etwa 40 Jahre später nahm ich an einer Generalversammlung der Feldprediger in Bern teil. In diesem Zusammenhang erklärten sich Berner Offiziere bereit, uns die Berner Altstadt zu zeigen. Auf dem Münsterplatz erklärte unser Begleiter, dass er mit uns nicht auf die Münsterterrasse gehen könne, dort befände sich jetzt ein Zentrum der Drögeler. Wir wurden dann doch entdeckt und als «Schweizer Kriegsverbrecher» beschimpft. Der Stellenwert der Armee hatte sich geändert.
Der gerettete Flieger
Von 1968 – 1993 war ich Pfarrer in Ermatingen am Untersee. Das habe ich später dort erfahren: Über Ermatingen sprang während des Zweiten Weltkrieges einmal die Besatzung einer fliegenden Festung ab. Wegen ungünstigen Windes wurde der Grossteil der Besatzung nach der Insel Reichenau abgetrieben. Einer der Flieger landete weiter unten im Untersee, ein zweiter ebenfalls im Untersee, zwischen Ermatingen und der Insel Reichenau. Der Flieger, der weiter unten im See landete, ertrank. Die Männer, die infolge ungünstiger Windverhältnisse nach der Insel Reichenau abgetrieben wurden, seien dort von SS-Leuten erschossen worden – auf der Reichenau war eine SS-Einheit stationiert.
Den Flieger, der zwischen Ermatingen und der Reichenau im See gelandet war, versuchte der damalige Ermatinger Berufsfischer und spätere Fischereiaufseher Hans Ribi – er ist vor wenigen Monaten hochbetagt verstorben – zu retten. Mit seinem Boot fuhr er hinaus auf den See. Es gelang ihm, den Flieger ins Boot zu holen und ihn in Ermatingen ans Ufer zu bringen – von der Schweizerseite aus von Buben angefeuert: «Hopp Schwiiz! Hopp Schwiiz!», von der Reichenau her bereits von einem Boot mit SS-Leuten verfolgt – sie waren zuletzt noch etwa 150 Meter von ihm entfernt.
Beim Flieger handelte es sich um einen jungen Kanadier. Er schenkte Hans Ribi seine Uhr und einen Ring. Der Kontakt zwischen diesen beiden Männern hat noch während Jahrzehnten bestanden.
Auf der Insel Reichenau war in der Nazizeit übrigens eine Tafel angebracht mit der Aufschrift: «Einst rieb der heilige Pirmin das Ungeziefer von der Insel fort. Drum, Jud, bleib weg! Sonst kommt der heilige Pirmin wieder und jagt dich ins gelobte Land!»
In Ermatingen – und sicher auch in anderen Unterseegemeinden – wurden während des Zweiten Weltkrieges relativ häufig Leichen gefunden. Es scheint sich fast ausnahmslos um männliche Leichen gehandelt zu haben. Auch im Sterberegister der Gemeinde Ermatingen findet sich in jenen Jahren wiederholt der Eintrag «Unbekannte männliche Leiche». Ich habe mich schon oft gefragt, welche Schicksale damals am Schweizerufer ihr Ende gefunden haben.
Die Flüchtlingsfamilie
Vor kurzem hatte ich zu tun mit einer Frau, die mir folgendes erzählte: Ihr Mann sei während des Zweiten Weltkrieges zuständig gewesen für einen Grenzabschnitt im Norden unseres Landes. Eines Tages sei in diesem Grenzabschnitt eine jüdische Flüchtlingsfamilie aufgegriffen worden – der Vater, die Mutter und mehrere Kinder. Einer mehrköpfigen Familie war es gelungen, sich auf Schweizer Gebiet herüber zu retten. Von unserem für den Grenzabschnitt verantwortlichen Mann aber wurde verlangt, dass er die Familie wieder an die Grenze zurückbringe und dort den zuständigen deutschen Beamten übergeben solle. Mit verschiedenen Telefonaten konnte der Mann nichts erreichen. Er musste die Familie an die Grenze zurückbringen und dort den deutschen Behörden übergeben. Wie aber ist der Weg für die Familie wohl weitergegangen? – Wir alle sind uns darüber im Klaren – wir befanden uns damals in einer schwierigen Lage. Sicher weist diese Begebenheit aber auch hin auf eine damals fragwürdige Flüchtlingspolitik. Die Frau, die mir das erzählte, sagte mir, dass diese Begebenheit ihren Mann bis zum Tode belastet habe.
Was haben wir gewusst?
Was haben wir gewusst – in Bezug auf die Gräueltaten, die in Nazideutschland geschahen? Zwei Beispiele mögen deutlich machen, dass unser Volk im Allgemeinen lange recht wenig gewusst hat. Das eine: Im Sommer des Jahres 1943 – wir waren damals Schüler der 3. Gymnasialklasse in St. Gallen – kam eines Tages ein Mitschüler und las uns einen Artikel vor, der schilderte, was in einem KZ geschah. Die Reaktion unserer Klasse war ein lautes Gelächter, gefolgt von der Frage eines Kameraden, in welcher Fasnachtszeitung er das gefunden habe. Und das andere Beispiel – vor kurzem erzählte mir eine Frau folgendes: Ihr Vater sei Oberst gewesen. Kurz vor Kriegsende sei er einmal nach Hause gekommen. Man habe sofort bemerkt, irgendetwas beschäftigte ihn. Dann habe er nur gesagt: «Was man gelegentlich über Deutschland gemunkelt hat – es ist alles wahr!» So wenig haben wir gewusst. Wenige haben mehr gewusst – und die Konsequenzen nicht gezogen.
Und nach dem Krieg – die aufgerissenen Gräben
Dass der Zweite Weltkrieg Gräben aufgerissen hatte, «wusste» ich. Dass es so war, erfuhr ich im November des Jahres 1949. Ich hatte damals die Möglichkeit, an einem Seminar in Holland teilzunehmen. Ich war damals Student im ersten Semester, bereue aber nie, dass ich die Möglichkeit genutzt habe.
Die reformierte holländische Kirche machte damals den ersten Versuch, Menschen aus ehemaligen Feindstaaten wieder zusammenzubringen und lud Theologiestudenten und –studentinnen aus Holland natürlich, aber auch aus Deutschland, Österreich, Ungarn und der Tschechoslowakei im November des Jahres 1947 nach Bentveld (?) in der Nähe von Amsterdam ein. Ich hatte als einziger Schweizer die Möglichkeit, dort mit dabei zu sein. Und eben, da erfuhr ich dann, welche Gräben der Krieg aufgerissen hatte.
In Rotterdam fuhr ich zusammen mit einem holländischen Studenten im Tram. Ohne etwas zu denken stellte ich dem holländischen eine Frage – auf Deutsch natürlich. Es war dann, als ob jemand eine Handgranate ins Tram geworfen hätte. Alle Blicke waren hasserfüllt auf mich gerichtet. Der holländische Student rettete die Situation, indem er laut und deutlich sagte: «Weisst du, du musst diese Leute, die dich jetzt so hasserfüllt ansehen, verstehen; sie meinen alle, du seist ein Deutscher und wissen nicht, dass du ein Schweizer bist.» Jetzt war die Situation gerettet. Alle im Tram lachten.
Die deutschen Studenten und Studentinnen merkten bald, dass sie eigentlich keine Möglichkeit hatten, allein auszugehen. Sobald man Deutsche erkannte, wurden sie – etwa in Restaurants – übersehen und nicht bedient. So habe ich dann immer wieder im Ausgang deutsche Gruppen «abgedeckt». Ich habe mich an die Serviertochter gewandt – mit den Worten etwa: «Fräulein, ich bin Schweizer und wir möchten gerne etwas bestellen.»
Dass der Krieg so tiefe Gräben aufgerissen hatte, habe ich dann bald auch begriffen. Hier einige Beispiel:
- In Holland waren an vielen Orten weisse Kreuze zu sehen. Auf meine Frage, was diese Kreuze zu bedeuten hätten, wurde mir gesagt, dass jedes dieser Kreuze an einer Stelle stehe, an der ein holländischer Widerstandskämpfer erschossen worden sei.
- Ein Spaziergang mit einer holländischen Familie führte auch einmal auf einen Friedhof in der Nähe von Harlem. Die Aufschrift über dem Eingang, übersetzt ins Deutsche: «Der Helden Asche liegt hier begraben; in unserem Geiste werden wir sie ewig haben.» Auf diesem Friedhof waren nur holländische Widerstandskämpfer begraben.
- Über ein Wochenende wurden wir auf Gastgeberfamilien verteilt. Ich kam zu einer Familie Goldschmeding. Der Mann kam etwas später nach Hause. Als er erfuhr, dass ich Schweizer sei, sagte er nur: «Wir sind im Grunde genommen froh, dass Sie ein Schweizer sind. Wir haben einen Deutschen erwartet und hätten auch einen Deutschen aufgenommen. Sie müssen aber wissen, dass mein Bruder in Auschwitz geblieben ist.»
Oft gab es innerhalb der Gruppe auch spannungsgeladene Diskussionen. An eine – sie zog sich weit in die Nacht hinein – erinnere ich mich besonders. Im Verlauf dieser Diskussion hatte sich auch eine österreichische Studentin aus Wien gemeldet. Sie sagte, dass wir sie bis jetzt wohl alle als Österreicherin angesehen hätten. Das stimme, sie sei aber auch Jüdin beziehungsweise Judenchristin. Sie müsse aber sagen, dass ihre 50 Angehörigen und Verwandten in Auschwitz geblieben seien. Am Ende jenes Abends erhoben sich die Holländer und stimmten ihre Nationalhymne an. Bei den Worten «ben ik, van Duitsen bloed» konnten sie nicht mehr weitersingen. Was andererseits die deutschen Studenten und Studentinnen – auf alle Fälle einen Teil von ihnen – veranlasste, während der Nationalhymne der Holländer sitzen zu bleiben, weiss ich heute noch nicht. Auf alle Fälle aber war an jenem Abend die Spannung mit Händen zu greifen. Der Krieg hatte unendlich tiefe Gräben aufgerissen.
© Reformierte Medien und Autor
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