Pfarrer Hansheiri Zürrer, Jahrgang 1918, 8045 Zürich
Pfarrer in Danzig predigte gegen «ausländische Agenten»
Ich war von Juni 1944 bis Kriegsende in Deutschland tätig als einer von sieben Sekretären der Kriegsgefangenenhilfe des Weltbundes Christlicher Verein Junger Männer (CVJM/YMCA). Meine Kollegen stammten aus Schweden oder Dänemark. Ich hatte meinen Wohnsitz in Danzig, von wo aus ich regelmässig die Kriegsgefangenenlagen in der Region besuchen konnte. Neben vielen schrecklichen Erlebnissen hat mir als damals jungem Theologen die Predigt eines evangelischen Pfarrers in der St. Katharinen-Kirche in Danzig zu schaffen gemacht, die ich am Sonntag, 18. März 1945, hörte. Die Stadt mit ihren etwa 400'000 Einwohnern und Zehntausenden von Flüchtlingen aus Ostpreussen war damals bereits von drei Seiten her eingekesselt von einer der deutschen Wehrmacht zahlenmässig weit überlegenen Sowjetarmee. Nach vielen Predigten, die ich damals in Deutschland gehört hatte, befasste sich diese erstmals mit der politischen Lage. Sie warnte eindringlich – nein, nicht etwa vor den Nazis, sondern – vor «ausländischen Agenten», die behaupteten, militärischer Widerstand in dieser Situation sei sinnlos.
In Schweizer Predigten war nie vom Ernstfall die Rede
Wenige Tage danach sah ich zu meinem Entsetzen an den Alleebäumen einer wichtigen Durchgangsstrasse (sie hiess damals «Hindenburgallee») vier leblose Männer in ihren Wehrmachtsuniformen hängen mit einer Kartontafel auf ihrer Brust, auf der geschrieben stand: «Ich war zu feige, um zu kämpfen». Waren es die Verantwortlichen einer Gruppe, die zu einer kampflosen Übergabe der Stadt aufgerufen hatten und von der Gestapo erschossen worden waren? Auf jeden Fall fühlte ich mich diesen mutigen, sicher nicht feigen Menschen innerlich sehr verbunden, umso mehr, als sie auch von der Kirche nicht unterstützt, sondern als «ausländische Agenten» verleumdet worden waren. Ich bin am Leben geblieben, weil wie durch ein Wunder bei der fürchterlichen Bombardierung der Stadt durch die Royal Air Force am Palmsonntag, kurz vor dem Einmarsch der Russen, keine Bombe auf die «Schwedische Seemannskirche» fiel, wo ich ein Zimmer hatte.
Auf meinem Heimweg von Danzig nach Zürich, für den ich mehr als einen Monat brauchte, kam ich zu Fuss auch durch die Region von Dresden und erfuhr dabei, dass der Oberbürgermeister dieser Stadt den Mut hatte, beim Herannahen der russischen Armee die weisse Fahne zu hissen und so das Leben der Einwohner zu retten.
In der Schweiz hätten wir während des Aktivdienstes ja auch einer militärischen Übermacht entgegengestanden. In den zahlreichen Predigten, die ich damals anhörte, wurde nie darüber nachgedacht, was im Ernstfall passiert wäre. Man orientierte sich am Kampf von David gegen den übermächtigen Goliath und nannte die Zweifler «Defätisten». Die paar Dutzend Militärverweigerer, die sich eher an die Worte der Bergpredigt hielten, sperrte man für Monate ins Gefängnis. Und noch heute, mehr als 60 Jahre nach dem Ende des Weltkrieges, unterhalten wir mit vielem Geld und manchen Feldpredigern eine Armee, die das Töten lehrt, als hätten wir nichts aus den beiden Weltkriegen gelernt.
© Reformierte Medien und Autor
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