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«Als ich Pfarrer wurde, tobte der Krieg schon das zweite Jahr»Pfarrer Werner Meyer, Jahrgang 1909, 7413 Fürstenaubruck GR Verzeihen Sie die sicher nicht sehr leserliche Handschrift – ich stehe in meinem 100. Lebensjahr und habe keine Schreibmaschine mehr – die Finger schaffen es nicht mehr. Herr Pfarrer, Sie passen nicht in unsere Landschaft Als ich nach etwa einem Jahr im Dorf unterwegs war, sprach mich ein Behördenmann mit Doktortitel an: «Freut mich, Herr Pfarrer, Sie persönlich kennen zu lernen. Reden wir ganz offen: Sie meinen es gut mit Ihrem Predigen und Unterrichten – aber Sie passen einfach nicht in unsere Landschaft! Sie möchten aus uns religiöse Menschen formen, die sich in Demut vor einer überirdischen Gottheit beugen, der Sie ihren Lebenserfolg verdanken. Aber da sind Sie bei uns am falschen Ort. Wir tüchtigen Geschäftsleute verdanken unsere Villa am See nicht einem transzendenten Gott, sondern unserer eigenen Tüchtigkeit und unserem Erfolgswillen. Küsnacht ist kein Boden für Ihr Christentum! Versuchen Sie das anderswo!» Meine Antwort: «Ich habe ein Pfarramt in Küsnacht nicht gesucht – Küsnacht suchte mich; vielleicht ist die Küsnachter Seelenlandschaft mit der Zeit veränderungsfähig! Ihre beiden Kinder, die bei mir Religionsunterricht haben, machen begierig mit...» Ich hatte viel zu lernen, zusammen mit zwei, später drei Kollegen. Die Jahre sausten nur so vorbei. Nach 17 Jahren erging an mich wiederum eine Berufungsanfrage, aus der Münstergemeinde Schaffhausen. Berufsethisch wusste ich, dass ein Pfarrer normalerweise nicht länger als etwa anderthalb Jahrzehnte im selben Pfarramt verbleiben sollte, und darum ging ich auf die Anfrage ein, auch deshalb, weil meine Kandidatur von den diversen Kirchengremien des Kantons Schaffhausen gestützt wurde. Ich hatte jedoch einen – von den Kirchenbehörden nicht getragenen, aber von der Bevölkerung bevorzugten – Konkurrente,n und sogar die Zeitungen Schaffhausens waren schon vierzehn Tage vor der Wahl voll vom «Für» und «Wider» der beiden Kandidaturen. Man vernahm somit auch in Küsnacht, dass ich mich zu verabschieden gedachte. Da erfuhr ich, dass ich viel tiefer im «Kirchengarten» Küsnacht verwurzelt war. Von dem oben erwähnten Geschäftsmann, für den ich «in der falschen Landschaft pastorierte», bekam ich einen zornigen Brief, der mit den Sätzen begann: «Herr Pfarrer Meyer, was fällt Ihnen eigentlich ein: Sie wollen Küsnacht verlassen und nach Schaffhausen! Sie gehören so fest zu Küsnacht wie der Turm zur Kirche. Sie sind mit uns zusammengewachsen und wir mit Ihnen! Hoffentlich scheitert Ihre Wahl nach Schaffhausen nächsten Sonntag. Auch ich selber brauche Sie und Ihren Einfluss: Mein Seelengarten fängt an ganz neu zu grünen und zu blühen, seit ich mich unter dem lebendigen Gott beuge und seine Führung akzeptiere...» Das Schaffhauser Volk wählte nicht mich, den für sie Unbekannten, sondern den volksverbündeten Konkurrenten. Am Nachmittag des Wahlsonntags besuchten mich die tief enttäuschten Schaffhauser Kirchenbehörden. In meinem Pfarrhaus fragten sie: «Feiern Sie heute ein Fest?» Alle Treppen, Gesimse, Fenster waren voller Blumen und Geschenkpakete; «Hat jemand Geburtstag?» «Allerdings», antwortete ich «... das Kirchenvolk von Küsnacht feiert mein neues Verbleiben im Dorf...» Die äussere und innere Landschaft von Küsnacht umschloss mich bis zum altersbedingten Ruhestand. © Reformierte Medien und Autor |
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