Einer der Referenten in Aarau: der Zürcher Psychiater Daniel Hell.

«Wir wollen kein qualitätskontrolliertes Sterben»

Lässt unsere Wohlfühlgesellschaft ein unverplantes Sterben überhaupt noch zu? Fachleute verschiedener Disziplinen haben an einem Kongress im September 2008 in Aarau wichtige Akzente gesetzt.

Von Monika Dettwiler *

Viele afrikanische Grossmütter haben keine Gelegenheit, Pflegefälle zu werden; weil sie gebraucht werden von ihren Enkeln, die durch Aids zu Waisen wurden. Mit diesem Einstieg in sein Referat hat der Wiener Pfarrer und Soziologe Reimer Gronemeyer das Kongressthema «Ganz Mensch bis zum Tod» im Kern getroffen: Menschen, die gebraucht werden, erfahren die eigene Würde, sie werden im Beziehungsnetz der Sippe alt, und das tut, jenseits aller Entbehrungen, ihrer Seele gut. «Was ist hier bei uns so schief gelaufen, dass wir alle diese Organisationen und Heime für die alten Menschen brauchen?» fragt Gronemeyer. «Sie sind doch Ausdruck eines Desasters, eines Zerfalls dessen, was zu einer anständigen Gesellschaft gehört.»

Ökonomisierung des Lebensendes
Unsere Gesellschaft erlebe einen Institutionalisierungsprozess des Sterbens, aber das planerische Projekt funktioniere nicht, findet Gronemeyer und argumentiert mit Zahlen: «80 Prozent der Leute hier wünschen sich, zu Hause zu sterben, aber 60 oder 80 Prozent sterben im Spital. Da stimmt doch etwas nicht.» Der Soziologe kritisiert auch die Ökonomisierung und die Medikalisierung des Lebensendes, das eine Ertragsquelle des Spitals geworden sei.

Er habe eine Satire mit dem Titel «Qualitätskontrolliertes Sterben» schreiben wollen, meint Gronemeyer bitter, dann aber im Web einen wissenschaftlichen Aufsatz zu ebendiesem Thema gefunden! Seiner Meinung nach sollte das Sterben kein planerisches Projekt sein, auch Patientenverfügungen hält er für einen Schritt in die Zwangsläufigkeit.

Der Referent warnt auch, unsere Gesellschaft drohe davon abzukommen, die steigende Zahl der Demenzkranken zu umsorgen. Die Euthanasiefrage liege in der Luft: Sollte man diese Menschen nicht besser von ihrem Leiden erlösen? «Ich sehe und höre hier nur eine deutliche Gegenstimme, die der Kirchen», schliesst Gronemeyer. «Sie dürfen in ihrer Wächterfunktion nicht lockerlassen. Sie müssen sich dafür wehren, dass die Betreuung der Demenzkranken ihrer grossen Zahl wegen nicht laufend schlechter wird.»

Lebensende mit Lebensqualität
Interdisziplinäre Einigkeit mit Reimer Gronemeyers Bedenken drückt überraschend klar der Zürcher Psychiater Daniel Hell aus. Der medizinisch-technische Fortschritt gehe mit einem Umbruch im Menschenbild einher und führe vor dem Hintergrund der Ökonomisierung des Gesundheitswesens zu einer Situation, «die traditionelle Sicherheiten abbaut und das subjektive Erleben, gleichsam die menschliche Seele, entwertet».

Die meisten Menschen profi­tieren zwar von der Hightech-Medizin, doch fühlen sich viele unverstanden, überfordert, depressiv oder einfach allein gelassen. «Die Hightech-Medizin erfordert als Ergänzung eine Hightouch-Medizin», so Hell, «denn gerade der alte, oft isolierte sterbende Mensch braucht auch achtsame Zuwendung.» Dies umso mehr, als es angesichts des verbreiteten Wunsches nach einem Lebensende in der gewohnten Lebensqualität immer schwerer werde, sich dem Sterbeprozess hinzugeben.

Beschämende Abhängigkeit?
Daniel Hell kritisiert Organisationen wie Exit oder Dignitas: «Sie erheben den Anspruch, durch Beihilfe zum Suizid ein Sterben in Würde zu sichern, weil sie davon ausgehen, dass der Mensch im Leiden, im Kontrollverlust von Körperfunktionen oder in beschämender Abhängigkeit seine Würde verliere. Das bestreite ich. Es stimmt zwar: Noch allzu viele Menschen haben keine würdige Unterstützung in heilloser Not und im Sterben.» Die Würde eines Menschen sei jedoch durch keine Schmach aufzuheben, auch nicht durch behindernde Krankheit oder Siechtum.

«Diese immanente Würde verlangt aber von den Mitmenschen, Sterbende würdig zu begleiten», fordert Hell und betont mit einem Zitat des Freiburger Ethikers Giovanni Maio einen weiteren Aspekt: «Unter dem Diktat des Gesundheitskults wird der Verlust der Gesundheit gleichgesetzt mit dem Verlust der Möglichkeit, ein gutes Leben zu führen. Damit wird in fataler Weise verkannt, dass auch ein krankes Leben nicht nur Sinn ermöglicht, sondern in vielen Fällen sogar Sinn erst eröffnet.»

Wie autonom ist der Mensch?
Von der Unantastbarkeit der menschlichen Würde spricht auch die Theologin Susanne Heine: Dem Beziehungswillen Gottes entspricht, dass der einzelne Mensch kein Zufall und dass auch er ein Beziehungswesen ist. «Dies begründet Achtung und Selbstachtung, deshalb gelten Leben und Würde des Menschen als unantastbar.» Jedoch sind alle in die Unordnung der Welt verstrickt. Gerade deshalb gilt es, auf der Bühne des Lebens kein Einpersonenstück zu spielen, sondern gemeinsam das «Lernziel des Lebens» zu verfolgen: die Kunst der Liebe und die Praxis der Solidarität.

Weil der Mensch auf Beziehungen angewiesen ist, kann er sich auch nicht kontextlos auf seine Autonomie berufen. «Die Sterbehilfe setzt laut Dignitas-Programm auf Autonomie», meint Susanne Heine. «Aber wie autonom ist ein todkranker, von Schmerzen geplagter oder gelähmter Mensch?» Es könne überdies auch sein, dass Leidende zuletzt noch etwas von einer Zuwendung erfahren, die sie ihr ganzes Leben lang vermisst haben. «Auf Autonomie zu pochen würde sie dieser Chance berauben.»

Hilfeschrei an die Gesellschaft
Immer wenn ein leidender Mensch sterben will, ist das laut Susanne Heine eine Anklage an Mitmenschen und Gesellschaft, die Leiden nicht wahrnehmen und nicht helfen. «Nur im Windschatten überforderter Ärzte und Seelsorgender können Vereine zur Sterbehilfe überhaupt existieren», sagt sie. «Es ist auch diese allgemeine Ratlosigkeit, die sich den Herausforderungen durch gesetzliche Freigabe der Euthanasie entzieht. Sterbehilfe zu leisten, sei es aktiv oder passiv, ist aus der Perspektive eines christlichen Menschenbildes ein Vergehen gegen das Leben; eine organisierte Sterbehilfe zeigt, dass das Bewusstsein dafür verlorengegangen ist.»

In der noch zu wenig unterstützten Sterbebegleitung durch Hospize und mobile Dienste liegt für sagt Susanne Heine die Möglichkeit eines christlichen, eines gestalteten Abschieds. «Dafür sind die Kirchen zuständig, die Gemeinden als sozial stützende Gemeinschaften, freilich ohne den Staat aus der Verantwortung zu entlassen», findet die Theologin.

Aber entspricht eine derartige Begleitung im Sterben und im Leid überhaupt einem allgemeinen Wunsch? Die Frage, was erträglich sei, hänge auch von Bildern in unserer ökonomisierten Gesellschaft ab, sagt Heine. Das Ideal sei heute tatsächlich «das Bild von ewiger Jugend und Schönheit. Im Blick sind die Jungen und die fitten reichen Alten, die beim Skifahren auf herrlicher Piste einem Herzschlag erliegen und sich durch ‹sozialverträgliches Frühableben› als pflegeleicht erweisen. Und das führt zur satirisch gemeinten Empfehlung, die Sterbenden mit psychologischem Einfühlungsvermögen dahin zu bringen, dass sie freiwillig sterben. Wie autonom ist also der Mensch?»

Bedenken gegenüber Patientenverfügungen und Regelungen
Die Juristin Brigitte Tag beleuchtete den letzten Lebensabschnitt, soweit er das Strafrecht tangiert. Sie sprach sich klar für eine weniger lückenhafte gesetzliche Regelung auf Bundesebene aus, allerdings mit einem Recht auf Ergänzung für die Kantone.

Eine weitere das Recht tangierende Frage kam in einem der Tagungsseminare zur Sprache: der Sinn und die Grenzen von Patientenverfügungen. Zwar seien diese grundsätzlich ethisch vertretbar, denn eine verstärkte Selbstbestimmung am Lebensende sei zu begrüssen, sagte der Sozialethiker Markus Zimmermann-Acklin. «Ich habe allerdings meine Bedenken. Ohne profunde medizinische Informationen planen wohl viele Menschen an der Realität vorbei.» Es sei für Gesunde schwierig, sich in ein Wachkoma oder in die Altersdemenz hineinzuversetzen, die ja eine Persönlichkeitsveränderung mit sich bringt.

Der Sozialethiker kritisiert einen Gesetzesentwurf, der vorsieht, dass medizinische Entscheidungen am Lebensende allein von den Angehörigen gefällt werden, sofern die Betroffenen selbst dazu nicht mehr in der Lage sind. «Für viele wäre es eine Zumutung, ohne Entscheidungshilfe seitens der Ärzte über Leben und Tod zu entscheiden», findet Zimmermann.

Kein Grauen vor der Abhängigkeit
In einem weiteren Seminar brachte der Sozialwissenschaftler Matthias Mettner das Kongressthema noch einmal konzentriert auf den Punkt: In der letzten Lebensphase stehen Abhängigkeit und Verletzlichkeit dem Wunsch nach Autonomie gegenüber. Palliative Care müsse Sterbenden Bedeutung zugestehen, ihnen helfen, aber auch ihre Würde unterstützen. «Kranke zu unterstützen ist auch die Würde der Gesunden», meint er. «Denn die Begleitung Schwerkranker ist immer auch ein Ort des Lernens und Lehrens.» Das Leben verdichtet sich mit dem Tod, es wird wesentlicher. «Da ist mehr Leben, als man sich vorstellen kann.»

Vor der Abhängigkeit am Lebensende muss uns laut Mettner nicht grauen, denn grundsätzlich seien alle von einer Vielzahl von Menschen abhängig, in jeder Lebensphase; das mache den Sinn des Lebens aus. Der Sozialwissenschaftler und Gerontologe: «Gerade am Ende, wenn es uns im Leiden und Sterben die Sprache verschlägt, brauchen wir andere Menschen, die nicht davonlaufen, sondern die sich uns zuwenden.»

Dieses Statement und alle anderen hätte die Aargauer Kirchenratspräsidentin Claudia Bandixen am Schluss des Kongresses nicht besser würdigen können als mit diesem einzigen Satz: «Der Tag hat mich überwältigt.»

* Monika Dettwiler ist Co-Chefredaktorin der Reformierten Presse.

Quelle: Reformierte Presse 38/2008.

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Ganz Mensch bis zum Tod

Das Podiumsgespräch vom 12. September 2008 sowie alle Referate und drei der sechs Seminare vom 13. September sind von der Firma AV-Record aufgezeichnet worden und sind als Audio-CD oder Film-DVD bei info(at)avrecord.de erhältlich.

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