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"Bekenntnisse sind Sprachhäuser des Glaubens"
Von Ralph Kunz * Man könnte meinen, es gehe um den Untergang der bekenntnisfreien Schweiz. Besorgte Leserbriefschreiber und -schreiberinnen haben ein Coming-out und berichten über ihr Heidelberger-Katechismus-Trauma. Wieder andere vermuten lutherische Pfarrer als Drahtzieher und warnen vor einem Rückfall in jene düsteren Zeiten, die herrschten, bevor die helle Sonne der Vernunft über der reformierten Schweiz aufgegangen ist. Von Zwang und Zwängerei ist die Rede. Wer wen zum Bekennen zwingen will oder kann, wird dann meistens doch nicht recht klar. Zwingt der Kirchenbund die Kantonalkirchen? Oder die Kirchenleitungen ihre Gemeinden? Oder die Pfarrer ihre Gemeindeglieder? Darüber reden, worauf die Reformierten vertrauen Der befürchtete Rückschritt hinter das Prinzip der «Bekenntnisfreiheit» ist bei Lichte betrachtet ein Missverständnis. Erstens wurde das Apostolikum im 19. Jahrhundert nur in der Taufliturgie vorgeschrieben. In Zürich und andernorts drehte sich der Streit nicht darum, ob ein Bekenntnis in jedem Gottesdienst gesprochen werden soll, sondern darum, dass bei einer Taufe dieses und kein anderes Credo gesprochen werden darf. Für die Liberalen war diese Einengung inakzeptabel. Sie setzten sich durch. Keine Verpflichtungauf Bekenntnisgelübde Was bringt es uns denn, wenn wir an einem gottesdiensttauglichen Bekenntnis arbeiten? Das Motiv, an einem Bekenntnis zu arbeiten, ist die Freude am Bekennen und die Überzeugung, dass der Glaube sich auch heute in evangelischer Freiheit ausdrücken und begründen lässt. Es ist schwierig, aber nicht unmöglich. Ich bin Optimist. Wir können das doch: uns über Glaubensfragen auseinandersetzen und zum Bekennen wieder zusammenrücken! Aber einmal abgesehen vom Prozess: Wo und wie würde dieses Credo am Ende stehen? Denkbar wäre, dass das gemeinsam errungene und gelungene Credo – neben anderen – in der nächsten Auflage des «Reformierten Gesangbuchs» aufgenommen würde. Wünschbar wäre, dass wir dieses Stück auch ins Herz schliessen könnten, dass es uns vertraut wäre, weil wir darum gerungen und es regelmässig gesprochen haben. Ist das so fantastisch? Das neue Bekenntnis soll auch den vorläufigen Abschluss der Sammlung bilden, die der Bekenntnisinitiative zugrunde liegt. Ich meine, dieses Bekenntnisbuch ist das Herzstück des Projekts. Es dokumentiert die Vielfalt, die Freiheit und die Verlässlichkeit des reformierten Glaubens, seinen Mut und seine zeitgebundene Aktualität. Sie dokumentiert auch das Fragwürdige. Das gehört auch zu uns. Und vielleicht ist das neueste Stück dieser Sammlung tatsächlich das fragwürdigste. Das gehört sich so. Ich erwarte nicht, dass es uns gelingt, ein Bekenntnis zu machen, das frei wäre von Fragwürdigem, und bin sicher, es wird mir nicht alles gefallen. Aber die Aussicht, dass wir darum gemeinsam ringen und es nach einem sorgfältigen Hin und Her in einem echt helvetischen Vernehmlassungsverfahren als vorläufig jüngstes Bekenntnis annehmen, die gefällt mir. Wenn wir scheitern . . . Dazu wird es nicht einmal kommen, wenn wir tatsächlich am Credo scheitern und uns nur auf eine Sammlung alter Stücke einigen könnten. Dann bliebe am Schluss halt eine Leerstelle. Sei’s drum! Die Frage ist, wie wir die Leere interpretieren. Ich würde sagen: das Buch der reformierten Bekenntnisse endete dann mit einem Armutszeugnis. Damit könnte ich leben. Man mag unterschiedlich darüber befinden, ob diese ganze Bekenntnisübung einem Bedürfnis entspricht oder eine Notwendigkeit darstellt, ob sie zu früh oder zu spät kommt. Niemand kann das mit Bestimmtheit sagen. Aber ich bitte Sie: Machen wir nicht daraus den Status confessionis oder gar einen Casus belli. Tun wir etwas Tapferes! Woraus sich die Freiheit ableitet * Ralph Kunz ist Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich. Quelle: Reformierte Presse 43/09
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