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«Das ist theologisch nie erledigt»
Seit einem halben Jahr gibt es Veranstaltungen und eine Vernehmlassung zum Projekt «reformiertes Bekenntnis». Matthias Böhni hat Matthias Krieg dazu befragt. Er ist treibende Kraft des Projekts und Leiter der Abteilung Bildung und Gesellschaft der Zürcher Kirche. Reformierte Presse: Wie lautet Ihr Fazit nach einem halben Jahr Vernehmlassung? Matthias Krieg: Ich habe bis jetzt über 30 Auftritte an Synoden oder Kirchgemeindeversammlungen gehabt, und ich glaube, es gelingt mir, das Thema plausibel zu machen. Das Interesse der Leute wächst, wenn ihnen klar wird, dass es um die Kommunikationsform des Bekennens geht, nicht um ein fertig formuliertes Bekenntnis. Die Zuhörer verstehen das? Ja, und dann tun sie auf, und Fantasie kommt auf. Viele merken, dass das Bekennen nicht klerikal-konservativ gemeint ist, sondern auf ihre eigene Lebenserfahrung zielt. Dann kommen viele Hinweise, wie man den Diskurs weiter anregen könnte, zum Beispiel mit einem Poetry Slam. Einige habe ich in der Neuauflage des «Werkbuchs Bekenntnisse» aufgenommen, die eben erschienen ist. Der Schweizer Reformierte ist ja eher nüchtern… Es gibt ja auch ein nüchternes Bekennen, das in einem Satz und nicht voluminös-geschwollen oder aufgeplustert daherkommt. Es geht beim Bekennen nicht um religiöses Pathos, sondern um das eigene Erleben. «Ich, hier, jetzt» ist nach Karl Barth die Kurzformel des Bekennens. Haben die Leute keine Angst vor Vereinnahmung? Doch. Was ich hierzu als Widerstand wahrnehme, ist die sachlich unsinnige Behauptung, Religion sei Privatsache. Religion war zu keiner Zeit der Welt privat. Diese Meinung hat sich aber stark durchgesetzt: «Darüber rede ich doch nicht!» Die Generationen, die negative religiöse Vereinnahmung erlebt haben, werden aber älter, und die Jungen kennen das gar nicht mehr und sind eher offen. Ein Wahrnehmungswechsel… … und ein Traditionsabbruch. Wir sind mitten drin. Sehr viel Religionswissen ist schon verloren gegangen, aber viele Junge sind auch wieder neugierig geworden. Warum wurde dann die reformierte Basis von der Vernehmlassung ausgeschlossen? Man kann nur an ihr teilnehmen, wenn man kirchennahe ist und ein Passwort bekommen hat. Der Kirchenbund hat das so entschieden. Geplant war es anders. Die Vernehmlassung hat nun eine sozialwissenschaftlich-obrigkeitliche Note. Die Bildungsveranstaltungen in den Kirchgemeinden sind aber auch für die Basis offen. An der geschlossenen Vernehmlassung wird das Projekt nicht scheitern. Woran könnte es scheitern? Am Traditionsabbruch. Dass die vermeintliche gemeinsame religiöse Basis schon zu stark zusammengeschmolzen ist. Dass wir uns gar nicht mehr über religiöse Herkunft verständigen wollen. Wie wir altes Handwerk nicht mehr kennen, so kennen wir unsere religiöse Herkunft nicht mehr. Wissen Sie, was Treideln ist? Nein. Wenn man ein Schiff mit Seilen in einem Kanal zieht, dann treidelt man. Viele religiöse Begriffe sind ebenfalls vergessen und nur noch Gegenstand für Historiker. Es gibt einen Ballenberg des Handwerks, aber auch einen der Religion. Seit 1870 ist die reformierte Kirche kulturell stehengeblieben, es gibt kaum neue Lyrik oder Musik im Gottesdienst, auch kein neues Bekennen. Und das Projekt Bekennen hält dagegen? Ja, weil wir eine Kirche sind, die nicht von Schlüsselpersonen her denkt. Alle sind verantwortlich für den Glauben. Dieses Projekt ist historisch einer der letzten grossen Versuche, eine gemeinsame Sprache im Glauben zu finden. Es kann sein, dass die Spitze des Eisbergs nicht zum Vorschein kommt. Dann hätten wir zwar keinen Bekenntnistext, aber doch die Tradition des religiösen Gesprächs wiederbelebt. Ist das nicht einfach Nostalgie? Jede Tradition hat einen nostalgischen Aspekt. Man soll aber in der Kirche jene Tradition pflegen, die zukunftsfähig scheint. Als religiöse Institution müssen wir aufpassen, dass wir nicht abgehängt werden. Irgendwann verhandeln die Medien religiöse Themen, und die Kirche wird nicht mehr gefragt, weil ihr die Sprache fehlt. Das passiert jetzt schon. Kürzlich war zu lesen, ein Gedicht von Kurt Marti sei von der Bekenntnis-Projektgruppe zu einem Bekenntnis umgeschrieben worden, ohne dass man ihn gefragt hat. Stimmt das? Nein. Kurt Marti hat unsere Fassung lange vor dem Druck gesehen, sich gefreut, dass wir seinen Text verwendet haben, und das Gut zum Druck gegeben. Die Vernehmlassung dauert noch ein halbes Jahr. Das Resultat könnte lauten: Man will gar kein Bekenntnis und auch keine Diskussion darüber… Das Projekt wäre dann gestoppt, kirchenpolitisch die Sache erledigt, aber theologisch ist das nie erledigt. Matthias Böhni ist Projektleiter ref.ch und Redaktor der Reformierten Presse. Quelle: Reformierte Presse 3/11. Zurück zum Dossier. |
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